Presse über den Verein AfroDeutsche


NÜRNBERGER NACHRICHTEN: 04.11.2010

„Afrikaner wollen mehr Präsenz zeigen“

Verein "AfroDeutsche" setzt auf Integration durch gesellschaftliches Engagement

NÜRNBERG - Geht es um Integration, wird oft über die großen Migrantengruppen, gesprochen, etwa über die Türken. Kleinere werden weniger wahrgenommen. Das möchten die in Nürnberg lebenden Afrikaner ändern.

Erster Schritt war die Gründung des Vereins "AfroDeutsche" im Frühjahr 2008, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Integration von Afrikanern in die Metropolregion zu verbessern. "Integration bedeutet, präsent zu sein", sagt Vereinsvorsitzender Robert Katianda am Rande des ersten Afrikakongresses, der am vergangenen Samstag im Caritas- Pirckheimer-Haus stattfand. Er will, dass man die Menschen afrikanischer Herkunft nicht nur auf der Straße sieht, sondern auch auf Diskussionspodien debattieren, in Gremien arbeiten… dass sie also mehr Verantwortungübernehmen und sich bei der Gestaltung der Gesellschaft einbringen.
Damit das möglich ist, muss laut Katianda zweierlei gegeben sein: Die Kompetenzen afrikanischer Migranten (rund 7000 leben in Nürnberg und Fürth, die Hälfte davon hat einen deutschen Pass) sind zu stärken, sie müssen beispielsweise die deutsche Sprache beherrschen. Zum anderen ist eine Anlaufstelle nötig: ein Kulturzentrum, in dem sich die Menschen begegnen können. Das Konzept für dieses Zentrum sei schon ausgearbeitet, nun fehlt es noch an passenden Räumlichkeiten. Der Verein hofft bei diesem Projekt auch auf die Unterstützung durch die Stadt Nürnberg.
Dunkelhäutige Menschen werden immer noch diskriminiert in der deutschen Gesellschaft. Darüber klagten auch viele jungen Menschen, die vor kurzem beim ersten afrikanischen Jugendkongress in Nürnberg teilnahmen. Martina Mittenhuber, Leiterin des Menschenrechtsbüros, spricht sogar von "zunehmendem Alltagsrassismus". Es ist weiterhin Alltag, dass Dunkelhäutigen der Einlass in Diskotheken verweigert wird, die Mitgliedschaft in einem Fitness-Club. Derlei, betont Mittenhuber, duldet die Stadt nicht.
Rassismusvorwürfen wird nachgegangen – "im wiederholten Diskriminierungsfall kann sogar die Gewerbeerlaubnis entzogen werden".
Dass es weiterhin Diskriminierung gibt, führt Diana Liberova, Vorsitzende des Integrationsrats, auch darauf zurück, dass es an einer ausgeprägten "Willkommenskultur" fehlt — selbst in Nürnberg, das bei der Integration oft eine Vorreiterrolle einnimmt. "Partizipation heißt auch: mitmachen lassen." Eine der wichtigsten Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe ist die "Integration in den Arbeitsmarkt", betont der Sozialwissenschaftler Rolf Benndorf. In einer Studie fand er heraus, dass Afrikaner "deutlich schlechter in den Arbeitsmarkt integriert sind als Deutsche, Italiener oder Türken". Als Ursachen führt er unter anderem gesetzliche Regelungen an, fehlende Anerkennung von Bildungsabschlüssen, aber auch die unzureichende Qualifikation vieler afrikanischer Migranten.
Er plädiert auch für eine Klärung, was es eigentlich heißt, integriert zu sein. Die Wissenschaft legt hier drei Kriterien an: Auf dem Arbeitsmarkt dieselbe "Position" zu haben wie andere Bevölkerungsgruppen. Die deutsche Sprache beherrschen. Und: sich partiell an der deutschen Kultur ausrichten. Was gerade den letzten Punkt ausmacht, darüber gibt es aber sehr unterschiedliche Meinungen.

als PDF


NÜRNBERGER ZEITUNG: 24.10.2010

„Wir müssen in der Stadt unseren Platz finden“

Nürnberg  - Im Großraum Nürnberg leben 6000 afrikanische Migranten. Doch im öffentlichen Leben sind sie kaum präsent. Der 1. Nürnberger Afrikakongress am 30. Oktober im Caritas-Pirckheimer-Haus (CPH) soll die Lebenssituation von Menschen afrikanischer Herkunft in Deutschland beleuchten und Möglichkeiten vorstellen, ihre Situation zu verbessern.

Im Jahr 2008 hat sich in Nürnberg der Verein Afrodeutsche gegründet, in dem sich Afrikaner aus verschiedenen Herkunftsländern zusammengeschlossen haben. Das war ein erster Schritt, um ein länderübergreifendes Forum zu schaffen. Vereinsvorsitzender Robert Katianda, der aus dem Kongo stammt, ist aber der Ansicht: „Jetzt ist es höchste Zeit für Integration. Wir Afrodeutsche müssen in Nürnberg etwas tun, um in der Stadt unseren Platz zu finden.“

Der Verein hat von Anfang an enge Kontakte mit dem CPH und der Jesuitenmission, die den Verein unterstützen und bereits mehrere Seminare mit ihm gemeinsam organisiert haben. Daraus entstand die Idee zu dem Kongress.

Bei der Veranstaltung wird der Hamburger Sozialwissenschaftler Rolf Benndorf, Experte für das Thema Lebensperspektiven von Afrikanern in Deutschland, über afrikanische Migranten und ihre Integration in Deutschland sprechen; anschließend findet eine Diskussion statt. Außerdem soll in Workshops der Frage nachgegangen werden, wie sich die Afrikaner in Nürnberg stärker ins öffentliche Leben einbringen können. „Wir wollen in der Stadt anerkannt werden und zeigen, dass wir hier arbeiten und Nürnberg mitgestalten können“, sagt Salvator Simbiyara vom Verein Afrodeutsche.

Was den Afrodeutschen dazu auch fehlt, ist eine Anlaufstelle mit Räumen, wo sie sich treffen können. Deshalb setzt sich der Verein für ein Afrikanisches Kulturzentrum Mittelfranken ein. In einem solchen interkulturellen Begegnungszentrum könnten nicht nur kulturelle und sportliche Veranstaltungen stattfinden. Es sollte darüber hinaus Hilfe anbieten, wenn Menschen afrikanischer Herkunft Schwierigkeiten mit Behörden, bei der Wohnungs- und Arbeitssuche haben oder wenn Jugendliche Beratung bei der schulischen oder beruflichen Ausbildung brauchen. Das Afrikanische Kulturzentrum ist ebenfalls Thema eines Workshops am 30. Oktober.

Robert Katianda formuliert das Ziel des Kongresses so: „Er soll Mut machen, dass man mehr aufeinander zugeht.“

 


NÜRNBERGER NACHRICHTEN: 22.10.2010

„Mangelnde Integration“

Afro-Deutsche klagen über Rassismus – Erster Nürnberger Afrikakongreß

Afro Deutsche

 


NÜRNBERGER ZEITUNG: 26.09.2010

Integration beginnt im Kopf

Erster afrikanischer Jugendkongress

Nürnberg  - Zuwanderer in Deutschland leben in einem ständigen Spagat. Einerseits sollen und wollen sie sich assimilieren, andererseits pochen sie auf die Beibehaltung ihrer Kultur und Muttersprache. Und dann haben wir auf deutsch-alteingesessener Seite das Schubladendenken, das alles Fremde erst einmal misstrauisch betrachtet. Besonders trifft dies auf dunkelhäutige Migranten und deren Kinder zu. „Schwarz = dumm“, lautet das traditionelle kolonialistisch geprägte Vorurteil, der Karriere eines Barack Obama zum Trotz. Warum ist das so? Wie lässt es sich ändern? Der Verein AfroDeutsche lud hierzu zum 1. Afrikanischen Jugendkongress in der Awothek.

6000 Menschen afrikanischer Herkunft leben in Nürnberg. Am Willen zur Aufnahmebereitschaft lässt es Bürgermeister Horst Förther (SPD) als Gastredner nicht mangeln. Erstens trägt er zur Feier des Tages „fürchterlich bequeme“ Schuhe mit Sohlen aus Autoreifen, die er auf einem Afrika-Flohmarkt gekauft hat. Zweitens dient die Aufnahmefähigkeit dem sozialen Selbsterhaltungstrieb: „Die Kulturen, die andere Kulturen integrieren, überleben am längsten.“ Der Staat bemühe sich um Förderung und Chancengleichheit für alle Kinder aus armen Schichten oder problematischen Elternhäusern.

Freilich trügen die Eltern die Bringschuld, die Angebote des Staates auch anzunehmen. Reichen Sprache und Bildung auf deutschem Standard aus, um echte Teilhabe an der Gesellschaft zu garantieren? Wer je als Alteingesessener ein schwarzes Kindchen breitestes Fränkisch schwätzen hört, erleidet erst einmal einen Kulturschock. Nach einem Moment der Erheiterung müsste allerdings die Akzeptanz eintreten. So gehört sich das doch für einen Erwachsenen? Integration beginnt im Kopf. Die Ausgrenzung aber auch. Wann und wo fängt sie an? Herrscht im Kindergarten noch eitel Harmonie, wie Diana Liberova, die Vorsitzende des Nürnberger Rates für Integration und Zuwanderung, glaubt? Findet die Ausgrenzung und Gangbildung erst in der Schule statt?

Zwei Dokumentarfilme von und mit Jugendlichen aus schwarzafrikanischen Ländern sorgen für herbe Ernüchterung. Freimütig erzählen 16- bis 20-jährige Schwarze von den alltäglichen Sticheleien von Seiten der Weißen. Vom Lehrer, der sich aufgrund ihres Kleidungsstils bedroht fühlt und „aggressive Ausstrahlungen“ wahrnimmt; vom schikanierenden Lehrmeister; von panischen Omas im Bus; von der Leibesvisitation auf der Polizeiwache, inklusive Anal-Inspektion; und von der aufgestauten Wut über die Kolonialgeschichte, samt der kulturellen, religiösen und sprachlichen Enteignung.

Der zweite Film greift ein Jahrzehnte zurückliegendes psychologisches Experiment auf: Schwarzen Kleinkindern wurden eine weiße und eine schwarze Puppe zum Spielen vorgelegt. Dann sollten sie Fragen beantworten. Welche Puppe ist schöner, sauberer, schlauer, lieber als die andere? Alle Kinder entschieden sich seinerzeit für die weiße Puppe. Das Experiment, heute wiederholt, beweist: es hat sich nichts geändert. Von einem halben Dutzend schwarzer Kleinkinder entschied sich nur ein Bub für die schwarze Puppe. Verblüffung und Ratlosigkeit bei den Eltern im Film, wie bei den Teilnehmern. Saugen die Kinder soziale Rollenmuster von Anfang an in sich auf? Oder handelt es sich um einen merkwürdigen Fall von Phänomenologie? Wird die weiße Puppe vielleicht nur deshalb bevorzugt, weil sie „anders“ ist?

Für Marie Theres Aden-Ugboman, Leiterin des Pädagogischen Zentrums in Aachen, beweist der Film: „Rassismus beginnt schon im Kindergarten. Früher dachten wir, Rassismus sei ein Problem der Randgruppen. Heute kommt der Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft. Aber ursprünglich kommt er aus der Geistes-Elite!“ Tatsächlich zitiert der Film eindeutige Äußerungen von Kant und Hegel, die den Schwarzen jegliche Fähigkeit zu kulturellem Höhenflug absprechen. Umgekehrt mag man fragen: Welcher Durchschnittsbürger liest noch Kant und Hegel?

Und was die Assimilation betrifft: Eine Diskutantin beklagt, dass fast alle schwarzen Besucher des Kongresses in europäisch-deutschem Anzug und Jackett erscheinen. Selbst trägt sie ein Kopftuch – und ist weiß und deutsch, hat also selbst eine Assimilation zur Kultur ihres Mannes vollzogen. Genau das, was sie dem Publikum vorwirft.